Coesfelder Bündnis für Erziehung

In Coesfeld haben sich unter Federführung der Katholischen Familienbildungsstätte / Mehrgenerationenhaus 28 Partner zusammengeschlossen. Ihr Ziel: Auf der Basis von Kess-erziehen die Erziehungskompetenz von Müttern und Vätern stärken. In einem Interview erläutert Ulrike Wissmann, Leiterin der Familienbildungsstätte und Mitinitiatorin des Bündnisses, dessen Ziele und Aktivitäten.

Frau Wißmann, was verbirgt sich hinter dem „Coesfelder Bündnis für Erziehung“?

Wir erleben seit langem, dass die Erziehung von Kindern und Jugendlichen alle Beteiligten vor hohe Anforderungen stellt. Unsere Welt ist sehr unübersichtlich geworden. Werte und Normen sind nicht mehr aus sich heraus selbstverständlich; was „richtig“ und „falsch“ ist, lässt sich in einer komplexen und pluralen Gesellschaft nicht mehr so einfach sagen. Und die verschiedenen Medieneinflüsse tun ihr übriges. Das führt natürlich zu Verunsicherungen bei Vätern und Müttern. Im „Coesfelder Bündnis für Erziehung“ haben sich verschiede Akteure zusammengeschlossen, um gemeinsam die Elternverantwortung und die Erziehungskompetenz  zu stärken. Damit verbunden ist auch eine öffentliche Bewusstseinsbildung für Erziehungsfragen.

Wie sieht das konkret aus, welche Ziele verfolgt das Bündnis?

Kernanliegen ist es, Eltern in ihrem Erziehungsverhalten zu unterstützen und zu ermutigen, eigene vorhandene Fähigkeiten zu erkennen und weiterzuentwickeln. Dadurch, dass alle beteiligten Einrichtungen Informations-, Gesprächs- und Beratungsmöglichkeiten anbieten, erhalten die Mütter und Väter eine für sie richtige Anlaufstelle. Zudem werden insbesondere in Schulen und Kindertageseinrichtungen durch die Familienbildungsstätte kostenfrei Multiplikatoren ausgebildet, um Elternkompetenzen zu stärken und zu trainieren.

Und wer beteiligt sich?

Wir sind für eine Beteiligung aller, denen das Thema Erziehung in Coesfeld am Herzen liegt. In einem ersten Schritt sollten möglichst viele Schulen und Tageseinrichtungen für Kinder und weitere Institutionen beitreten, indem sie jeweils einen Ansprechpartner und einen Vertreter für die aktive Bündnisarbeit benennen. Bis zum Start des Bündnisses konnten wir bereits 28 Partner gewinnen.

Welche Aufgaben übernehmen die Bündnispartner?

Sie verpflichten sich zur aktiven Teilnahme und Mitarbeit. Durch ihre Arbeit direkt in den Tageseinrichtungen, Schulen und anderen Institutionen sorgen sie für Transparenz und zeigen Möglichkeiten und Zugänge zu Gesprächs-, Beratungs- und Seminarangeboten zum Thema Erziehung auf. Die Ansprechpartner sind für Kinder, Jugendliche, Eltern, Kolleginnen, Kollegen und weitere Interessierte zum Thema Erziehung ansprechbar. Sie sensibilisieren für das Thema.

Ab 2012 bieten die Schulen und Kindertageseinrichtungen dann mindestens ein Mal jährlich ein kostenfreies Elterntraining an bzw. sorgen dafür, dass in ihren Räumen ein solches in Kooperation mit der Familienbildungsstätte stattfindet.

Die Organisation und Koordination des Bündnisses erfolgt durch die Familienbildungsstätte/Mehrgenerationenhaus. Weshalb engagiert sich eine katholische Einrichtung in diesem Feld?

Die Familienbildungsstätte, die auch Mehrgenerationenhaus ist, gibt Menschen Unterstützung bei der Bewältigung des alltäglichen Lebens. Für Eltern ist die Erziehung eines Kindes eine der schönsten, aber auch wichtigsten und zugleich schwierigsten Herausforderungen. Mütter und Väter brauchen hier Orientierung und Austausch. Daher bieten wir als Familienbildungsstätte schon immer Seminare und Kurse für Eltern zum Thema Erziehung an. Als katholische Einrichtung sind Wertediskussion und -vermittlung, die Wertschätzung von Kindern, die Ansprache von bildungsfernen Bevölkerungsgruppen und die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund zudem besondere Anliegen unserer Arbeit. Diese Aspekte können wir im Bündnis besonders gut umsetzen.

Schon vor Jahren hat die Familienbildungsstätte in Coesfeld ein starkes Netzwerk „Elternschule - rund um die Geburt“ aufgebaut, sodass wir als Netzwerkpartner bekannt und anerkannt sind. Nun sind Coesfelder Bürger auf uns zugekommen und haben uns diese Idee „Bündnis Erziehung“ vorgestellt. Wir waren begeistert und organisieren das Bündnis zukünftig in Kooperation mit der Stadt Coesfeld in einer Lenkungsgruppe mit mehreren Partnern. Das tun wir gerade auch aus unserem Verständnis als katholische Einrichtung heraus. Unsere Arbeit ist gelebter Glaube und ein Dienst der Kirche an den Menschen. Wir erreichen viele Menschen mit lockerer oder ganz ohne Kirchenbindung und ermöglichen ihnen neue Zugänge. Gerade auch in den vergrößerten pastoralen Räumen bietet die Familienbildungsstätte Orientierung, Unterstützung und menschliche Gemeinschaft. All das bringen wir in das Bündnis ein.

Sie selbst sind ein „Motor“ des Bündnisses. Was sind Ihre persönlichen Motive?

Kinder sollen in Coesfeld glücklich, beziehungsfähig, lebensstark, selbstbewusst und verantwortungsbewusst aufwachsen und leben können. Sie brauchen ihre Eltern, und Vater und Mütter sollen ihren Erziehungsauftrag mit Freude wahrnehmen können. Dafür mache ich mich gern stark.

Welche Erfahrungen machen Sie, wenn Sie auf Institutionen zugehen, um sie zur Mitarbeit zu gewinnen? Was ist der „Türöffner“, was sorgt eher für Skepsis?

Die Zusatzarbeit - „Wieder ein neues Projekt“ - macht oftmals zunächst bedenken, da viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeitsmäßig sehr belastet sind. Wichtig ist es deshalb, eine „win-win-Situation“ zu schaffen: Die Partner müssen auch für sich einen „Gewinn“ sehen. Der muss nicht finanzieller Art sein, sondern aus einem Imagegewinn bestehen oder die Bereicherung und Unterstützung der eigenen pädagogischen Arbeit, die Profilierung oder die Verwirklichung von gemeinsamen Interessen sein. Ehrlichkeit und Offenheit bringen hier weiter. Und die Projektfinanzierung muss transparent sein. Wenn Partner sich finanziell einbringen sollen, ist das oftmals problematisch, da viele soziale Einrichtungen keine finanziellen Spielräume mehr haben.

Unter den Bündnispartnern finde ich keine Pfarrgemeinden. Welche Erwartungen hätten Sie an pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder an Pfarrgemeinderäte?

Zunächst sind Schulen und Kindertageseinrichtungen unsere Bündnispartner. Und wenn eine Pfarrgemeinde das Thema Erziehung in den Mittelpunkt stellen und aktiv für Elternseminare eintreten oder jemanden aus der Gemeinde dazu qualifizieren möchte: Herzlich willkommen!

Alles hat seinen Preis. Zum Schluss deshalb die Frage: Wer finanziert das ganze?

Die Bündnispartner zahlen als Institution 100 € pro Jahr, als Einzelpersonen 10 €. Und wir haben die Sparkassenstiftung als Sponsor gewinnen können und die Sparkasse Westmünsterland, die uns zusammen 15.000 € für die ersten 3 Jahre zur Verfügung gestelllt haben. Darüber hinaus wird die Ausbildung der Multiplikatoren zu „Kess-erziehen“-Kursleiter/innen durch das Familienreferat des Bischöflichen Generalvikariats und über die AKF gefördert. Die Stadt Coesfeld - alle Parteien im Ausschuss Jugend, Familie, Senioren und Soziales haben das Projekt befürwortet - unterstützt durch die Übernahme von Verwaltungstätigkeiten und die Familienbildungsstätte setzt personelle Ressourcen und „Know-how“ ein. Nach drei Jahren suchen wir weitere Wege. Dann ist die Grundqualifizierung erfolgt und es entsteht Weiteres.

Im Gespräch: Frau Ulrike Wißmann, Leiterin katholische Familienbildungsstätte / Mehrgenerationenhaus,  Geschäftsführerin Katholisches Bildungsforum Coesfeld

Quelle: Alle ziehn an einem Strang? Familienpastorale Arbeitshilfe zum Familiensonntag 2012, hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bereich Pastoral.

Weiterführende Informationen:

Katholische Familienbildungsstätte / Mehrgenerationenhaus
Ulrike Wißmann
Marienring 27, 48653 Coesfeld
Tel. 02541-9492-0, wissmann[ät]bistum-muenster.de