Christliches Menschenbild und Kess-erziehen

„Was ist der Mensch?"

Schon Sokrates, der 469 -399 v. Chr. in Athen lebte und auf dem die abendländische Philosophie beruht, quälte sich bei dieser Frage sehr. Von ihrer Beantwortung hängt weit mehr ab, als wir gemeinhin annehmen: Die Antwort führt uns hinein in einem größeren Zusammenhang oder sie führt uns in die Zerstreutheit einer Welt, in der alles zunehmend gleich gültig ist. Sie hat Bedeutung für die Politik bei der Gestaltung von Normen, Ordnungen und Institutionen. Sie hat Bedeutung bei der sozialen Arbeit, bei der Bildung und - wenn wir die Tätigkeiten von Kursleiterinnen und Kursleiter von Kess-erziehen in den Blick nehmen - bei der Erziehung von Kindern.

In unserer pluralen Welt gibt es konkurrierende Leitbilder, die die Vorstellungen von Gesellschaft, Staat und Kultur beeinflussen. Das christliche Menschenbild hat - so wird oft suggeriert - mit dem Wegfall des Monopols des Christentums seine Relevanz verloren. Diese schleichende Infragestellung ist aber Anlass genug, uns zu vergewissern, welches Menschenbild wir unserem Handeln voranstellen, welchem Leitbild wir in Erziehungsfragen folgen.

Der Mensch: Von Gott bejaht

In Psalm 8 bestaunt David das Universum, den Himmel samt Mond und Sterne, und stellt sich 500 Jahre vor Sokrates dieselbe Frage: „Was ist der Mensch?“
Bei ihm aber ist diese Frage eingebettet in eine Beziehung: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?" Das „Du" Davids bezieht sich auf den Schöpfer des Himmels und der Erde, auf den Schöpfer allen Lebens, auf den Schöpfer des Menschen. Er selbst fühlt sich von ihm angenommen, obwohl er sich in Anbetracht der Größe und der Unerklärlichkeit des Universums klein fühlt.

Warum der Psalmist ungefragt von diesem „Angenommen-Sein" ausgeht, können wir verstehen, wenn wir in den ältesten Geschichten des Alten Testamenten, im Buch Genesis blättern. In der Schöpfungsgeschichte schafft Gott den Menschen nach seinem Bild, nach seinem Gleichnis. Das ist ein revolutionäres Bekenntnis eines Volkes gewesen, das auf der Suche war nach dem Einen Gott. Bild und Gleichnis Gottes war in dem ägyptischen Kulturraum - aus dem das Volk Israel durch Mose befreit wurde - der Pharao. Auch im assyrischen Raum war nur der König Bild und Gleichnis Gottes. Nun postuliert Israel die Ebenbildlichkeit Gottes auf den Menschen von Anfang an, auf alle Menschen und sprengt damit gleich im ersten Kapitel des AT sämtliche Begrenzungen auf Hierarchien, Völker und Religionen. Kardinal Walter Kaspar spricht von einer Demokratisierung des Königstitels. Das biblische Menschenbild verknüpft sich unmittelbar mit dem, von dem sich niemand ein Bild machen kann und darf, mit dem, der sich selbst darstellt als „der, der ich bin für euch, und der, der ich da sein werde für euch". Dieser JHWH wird vom biblischen Menschen, im Sinne einer Antwort, bejaht als unbedingter, absoluter Wert.

Gleichwertig, ebenbürdig und zur Freiheit berufen

Der Mensch leitet seine absolute unveräußerliche Würde von dieser Ebenbildlichkeit Gottes ab. Wegen dieser Würde soll jedem Menschen - egal ob, schwach, klein, groß, mit Schuld beladen oder krank - mit Respekt und Achtung begegnet werden. Es ist dann nur noch logisch und schlüssig, dass in Genesis 1 Mann und Frau gleichwertig sind und einander ebenbürtig.

In Psalm 8 lesen wir: „Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt". Der Mensch nimmt teil am Schöpfungsauftrag Gottes. Gott hat den Menschen einen Lebensraum bereitet, er hat ihm eine Welt gegeben, über die er Macht haben darf. Auch das ist im altorientalischen Kontext revolutionär, denn es bedeutet eine Entgötterung von Kosmos und Erde, die Natur wird zu einem Kulturauftrag des Menschen. Der Mensch ist von Gott beauftragt, zu gestalten, fruchtbar zu sein, oder wie es in der jahwistischen Darstellung der Schöpfungsgeschichte heißt: „Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Edens, damit er ihn bebaue und bewache".

Die Erfahrungen der Menschen, etwas machen zu können, zu etwas befähigt zu sein, sind großartige Ermutigungen, seinen Kulturauftrag weiter zu differenzieren und auszulegen. Dazu ist er mit Freiheit ausgestattet. Ohne Freiheit wäre der Mensch ein mechanisches Rädchen in einem materialistisch verstandenen Weltbild. Er wäre gefangen in dieser Welt, noch nicht mal fähig über die Welt hinaus zu denken. Die Freiheit ermöglicht ihm aber sogar die Erfahrung von Transzendenz.

Fehler machen dürfen

Gleichzeitig erlebt der Mensch sich in seiner Geschöpflichkeit auch als begrenzt.
Dies bedeutet auch, dass er Fehler machen kann und darf, dass er sich nicht der Wahnvorstellung hingibt, alles machen zu können, dass er vergänglich ist und auf den Schöpfer, auf Gott hingewiesen bleibt. Dieser Gott zeigt sich im christlichen Menschenbild als ein Gott des Erbarmens, als ein Gott, der sich mit den Menschen so verbündet, dass er sich nach dem Neuen Testament in dem Menschen Jesus Christus neu als „Gott mit uns" offenbart, der den Menschen zum Reich Gottes hin erlöst.

Freiheit und Begrenztheit sind Werte, die aufeinander bezogen sind, ineinander greifen und je ihren eigenen Stellenwert haben dürfen.

In Psalm 8 Vers 10 heißt es weiter: „Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein Name". Wie unaussprechlich wichtig ist der Gott Israels für das gesamte Volk Gottes geworden, für das des Alten und das des Neuen Testamentes. Ihm gebührt Anerkennung und Lobpreis. Er liebt den Menschen zuvor, und die Liebe des Menschen ist Antwort auf Seine Liebe. Verantwortung aus Liebe. Das christliche Menschenbild geht davon aus, dass der Mensch um seines Selbst willen von Gott geliebt wird. Er ist Subjekt, nicht Instrument. In der kommunikativen Beziehung oder in den ökonomischen Handlungsabläufen oder im erzieherischen Agieren darf der Mensch deshalb nie zum Objekt werden, nicht instrumentalisiert werden.

In Beziehung leben

Wer ist der Mensch? Viele sind auf der Such nach Identität. Seine wahre Identität findet der Mensch in der Begegnung und dem Austausch mit anderen. Kein Mensch macht diese Identität nur mit sich selbst aus. Er benötigt das Du seiner Eltern, seiner Geschwister, seiner Mitmenschen, das Du Gottes. Er ist Sozialwesen, das von Beziehungen lebt und in Beziehungen sich entwickelt. Die eigene Identität ist in den Kulturraum (Sprache, Werten u .a.) eingebettet, der ihn umgibt. In diesem abendländischen, von jüdisch-christlichen Menschenbild geprägten Kulturraum erlebt und versteht sich der Mensch als Leib-Seele- Einheit, als Individuum, das der Gesellschaft vorgegeben ist. In der Achtung der Menschenwürde können sich zum Wohl der Menschheit die Grundlagen der menschlichen Existenz und der individuellen Entwicklung entfalten. Das gilt sowohl für die Ausprägung und Verbesserung der materiellen Bedingungen als auch für die Wahrnehmung und Gestaltung der sozialen und geistigen Bedürfnisse.

Der Elternkurs Kess-erziehen benennt folgende

vier soziale Grundbedürfnisse:

  • dazugehören, geliebt sein, wichtig sein
  • Bedeutung haben
  • sich fähig fühlen und Einfluss nehmen können
  • sich geborgen und sicher fühlen

Es ist nicht schwer, diese vier Grundbedürfnisse den Grunderfahrungen des biblischen Menschen zuzuordnen. Der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner fasst diese menschliche Bedürfnisse zusammen unter den Begriffen Name, Macht und Heimat.

  • „Wichtig sein, Bedeutung haben, dazugehören"

Der Name, einen Namen haben, steht für die Unverwechselbarkeit der Person, für die Einmaligkeit jedes einzelnen Menschenkindes. Mit den Namen verbindet Zulehner Achtung und Respekt. Einen Namen haben bedeutet: Ich bin wichtig und wertvoll. Dass wir einen Namen haben, erleben wir über die Beziehung. In Beziehungen erfahren wir, wer wir sind. Einen Namen haben will sagen: Wichtig sein, in Beziehung leben, dazugehören, geliebt sein.

Die Zitate aus Jesaja: „Ich habe dich beim Namen gerufen. Du gehörst mir.", oder: „Deinen Namen habe ich in meine Hand geschrieben.", machen deutlich, dass der tiefste Grund unserer Beziehung darin liegt, dass wir von Gott gerufen und gehalten werden.

  • „Sich fähig fühlen und Einfluss nehmen"

Dies entspricht der Grunderfahrung von Macht im Sinne von „Etwas-machen-Können", Gestalten und Mitwirken. Theologisch ist es Ausdruck der Teilhabe am Schöpfungsauftrag Gottes.

  • „Sich geborgen und sicher fühlen"

Zulehner nennt es Heimat. Es ist der Ort, wo ich zuhause sein kann, der Ort, auf den Verlass ist. Theologisch ist Gott selbst dieser Ort - wie es in den Psalmen oft besungen wird: „Herr, bei dir suche ich Zuflucht. Höre mich doch, hilf mir. Sei mir ein sicheres Zuhause, wohin ich jederzeit kommen kann. Du hast doch gesagt, mir zu helfen; du bist mein Fels und meine Burg" (Ps. 71, 1- 3)

  • „Subjekt sein.”

Das Kind wird als Subjekt betrachtet, nicht als Objekt, das nach dem Willen der Eltern zu funktionieren hat. Denn im Respekt vor dem Selbst des Kindes erlebt das Kind seinen eigenen Wert, es lernt, zu sich selbst zu stehen, für sich selbst zu sorgen. Die Eltern begleiten das Kind auf dem Weg zu einer größeren Eigenmächtigkeit. Die wohlwollende Anwesenheit der Eltern geben dem Kind das Gefühl: "Ich traue mir das zu."

  • „Freiheit und Grenzen"

Das Kind erlebt sich im Ausprobieren seiner Möglichkeiten als frei und gebunden und tastet sich weiter vor, um sich den Spielraum des Lebens anzueignen, sich darin zurechtzufinden. Es lernt, für seine Entscheidungen, für sein Tun geradezustehen. Die positiven Folgen ermutigen, die negativen Folgen geben dem Kind Anlass zu korrigieren. So lernt es, die Konsequenzen abzuschätzen und sie zu tragen oder mitzutragen. Daraus wächst Verantwortung aus Liebe zum Leben. Es erfährt den Wert von Regeln, von Ordnung als wichtige Stütze, Ziele zu erreichen.

Eine Grundhaltung, die das Leben bejaht

Der Blick auf die positive Grundhaltung bei Kess-erziehen ist Ausdruck der lebensbejahenden Botschaft der Bibel. Der Mensch ist Bild Gottes, Gott ist ein Gott des Lebens und das Leben ist Dienst an Gott und den Menschen. Auch wenn im Elternkurs nicht explizit von Gott und vom christlichen Menschenbild die Rede ist, geht es doch um die Erfahrung von Sinngehalten, die geschichtlich reflektiert, integriert und in unserem Kulturkreis weithin anerkannt sind. Die Sinngehalte entspringen letztlich der religiösen Fragestellung des Menschen, verändern ihn und führen ihn kontinuierlich weiter zur Selbsterkenntnis und Selbstentfaltung.

Wenn wir den Elternkurs so betrachten ist es nur eine logische Folge, dass im Kurs „Staunen, fragen, Gott entdecken" die Dimension der Religiosität im erzieherischen Tun in den Blick gerät und ebenso offen kommuniziert wird, damit alle am Prozess Beteiligte die Antwort für sich finden auf die Frage: „Was ist der Mensch, wo kommt er her, wozu ist er da, was ist sein Ziel, was sind die Wege?"

Martien van Pinxteren